Grüner Postgenderismus (Post*=nach; *gender=*Geschlecht / Geschlechtlichkeit) ist die Überwindung der Geschlechtlichkeit auf sozio-politischer Ebene, das heißt, dass sich nicht zwei Geschlechter gleichberechtigt gegenüberstehen, sondern, dass keine Unterscheidung mehr zwischen jeglicher Form der Geschlechtlichkeit vorgenommen wird.

Wenn sich die Grüne Jugend als postgender bezeichnet, so ist dies nicht als reine Abkehr oder Überwindung der Geschlechtlichkeit zu verstehen. Der Postgender beschreibt vielmehr unseren Weg zum erklärten Ziel der Bedeutungslosigkeit der Geschlechtlichkeit und der Geschlechterrollen, als Mittel der Differenzierung von Menschen. Wir sehen, dass dieser Zustand der Bedeutungslosigkeit als Resultat einer Überwindung noch lange nicht erreicht ist. Ferner sind wir uns bewusst, dass wir ihn auch nicht durch die schlichte Missachtung von Geschlecht oder Sexismus erreichen. Positiv formuliert: Wir erreichen den echten Postgender nur, wenn wir Sexismus, Homophobie und Geschlechterungerechtigkeit in den Fokus unserer Betrachtung und Beachtung bringen.

Viele Debatten würden durch einen erklärten Postgender auf eine neue Basis gestellt werden. Die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen, von heterosexueller und nicht-heterosexueller Liebe oder von Trans*. Diese Thematiken würden vom Postgender aufgenommen werden. Oder anders gesagt, wenn Mensch nicht mehr Mann oder Frau ist, sondern nur noch Mensch, so kann es nur noch zwischenmenschliche Liebe geben, und nicht mehr „Sonderfälle“ von männlicher oder weiblicher Homosexualität und verschiedenen Formen von Trans*.
Auch ist der „Wechsel“ des Geschlechts, d.h. die Anerkennung des persönlichen, des nicht gesellschaftlich aufgezwungenen Geschlechts, vom Gesetzgeber mit absurden Hürden versehen. So ist eine Reihe von oft demütigenden medizinischen und vor allem psychiatrischen Untersuchungen nötig, um als Transfrau oder -mann das eigene Geschlecht auch im Ausweis führen zu dürfen. Durch solche staatliche Repression wird gesellschaftlicher Wandel und Akzeptanz blockiert und nicht gefördert.
Auf ähnliche Weise wie Trans* werden auch Intersex-Menschen diskriminiert. Intersex sind keinem pauschalen Mann-Frau-Bild zuzuordnen, denn sie sind biologisch weder Mann noch Frau. Intersex ist keine Krankheit, deshalb ist es absolut inakzeptabel von Seiten der Medizin, Behörden und der Politik eine klare Geschlechtszuordnung zu Frau oder Mann erzwingen zu wollen.
Besonders die Anerkennung der Intersexualität und nonkonformistischer Identitäten kann nur im Postgender erreicht werden. Erst wenn mensch sich nicht mehr festlegen muss, ist er frei, nach seinem Empfinden und Selbstbild zu leben.
Die wahre Gleichstellung kann also nur aktiv erreicht werden, wenn die Politik nicht mehr unterscheidet. In unserem Staat sind alle Menschen gleichberechtigt und gleichwertig. Wir sehen darum keinen Grund, unnötigerweise zwischen Gleichem zu unterscheiden. Es verursacht nichts als Bürokratie, Diskriminierung, und Ungleichheit. Hier gilt: Mensch bleibt Mensch.

Wir erkennen natürlich auch, dass, wenn der Postgender zur reinen Missachtung der Thematik führt, Diskriminierung und Benachteiligung in der Gesellschaft Tür und Tor geöffnet werden. Wir sind der Meinung, dass wir einerseits aufhören zu unterscheiden, aber andererseits vermehrt gegen die differenzierten Formen der Benachteiligung vorgehen sollten.
Es wäre aber äußerst selbstgefällig, zu behaupten, wir wären die ersten die den Gedanken fassen. Die Piratenpartei propagiert Postgender als erste Partei Deutschlands schon längst. Das Verfahren der Piraten hat in unseren Augen jedoch nichts mit aufrichtigem Postgenderismus zu tun. Vielmehr wurde leichtfertig ein Beschluss gefasst, dessen Inhalt nur vor unbequemen Quotierungsdebatten schützen sollte. Die Realität hat sie zur chauvinistischsten Partei des Landes gemacht. Ihre postgender Ansätze, die jedoch einer Nicht-Beschäftigung mit dem Thema gleichkommen, haben es ironischer Weise schwer gemacht die Quote von gerade einmal 13% Piratinnen in den Länderparlamenten, zu heben. Auch der Anteil der Frauen in der Piratenpartei wird auf höchstens 18% geschätzt. Wir sehen das nicht als postgender, sondern als pre-gender an. Unser Postgender soll ein aktiver sein, für den es Tag für Tag gekämpft gehört. Und selbst der Deutsche Ethikrat sieht in einer Pressemeldung (Pressemitteilung 01/2012, 23. Feb. 2012) die Respektierung und Unterstützung von Intersexuellen als wichtig an.